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ICR und ISF: Was bedeutet das?
Als ich 2018 die Diagnose Diabetes Typ 1 bekam, stand ich vor einem Berg neuer Begriffe. ICR, ISF, Bolus, Basal – alles klang wie eine fremde Sprache. Dabei sind diese Werte gar nicht so kompliziert, wenn man sie einmal verstanden hat.
In diesem Artikel erkläre ich dir alles Wichtige über ICR und ISF – und wie du diese Werte für deine Insulinberechnung nutzt. Den kostenlosen Insulin Rechner kannst du danach direkt nutzen.
Ich erinnere mich noch gut an meine ersten Wochen nach der Diagnose. Jede Mahlzeit war ein Rätsel. Wie viel Insulin brauche ich für einen Apfel? Und was ist mit dem Brot? Mein Diabetologe hat mir gesagt, ich solle erstmal ein Basisschema fahren – aber das hat nie richtig funktioniert. Die Werte sprangen wild, ich hatte ständig Unterzuckerungen oder völlig überhöhte Werte.
Der Wendepunkt kam, als ich meine ICR und ISF richtig eingestellt habe. Plötzlich machte alles Sinn. Die Bolus-Formel wurde mein bester Freund. In diesem Artikel teile ich alles, was ich in den Jahren seit meiner Diagnose gelernt habe.
ICR – Das Insulin-Kohlenhydrat-Verhältnis
ICR steht für Insulin-Kohlenhydrat-Verhältnis. Dieser Wert sagt dir, wie viele Gramm Kohlenhydrate eine Einheit Insulin abdecken.

Gängige Insulin-Pens und Blutzuckermessgeräte
Beispiel: Wenn dein ICR 10 beträgt, dann deckt eine Einheit Insulin etwa 10 Gramm Kohlenhydrate ab. Isst du also 60 Gramm Kohlenhydrate, brauchst du 6 Einheiten Insulin für das Essen.
Der ICR-Wert ist bei jedem Menschen anders. Er hängt von deiner Insulinempfindlichkeit ab und wird meist gemeinsam mit deinem Diabetologen festgelegt. Laut Deutscher Diabetes Gesellschaft liegen typische Werte zwischen 1 und 20.
Wichtig zu wissen: Dein ICR ist nicht den ganzen Tag gleich. Die meisten Menschen sind morgens insulinresistenter als abends. Das bedeutet: Dein ICR am Morgen könnte bei 8 liegen (1 IE deckt 8g KH ab), während es abends bei 12 sein kann (1 IE deckt 12g KH ab). Das ist völlig normal!
Auch verschiedene Mahlzeiten können unterschiedlich wirken. Fettarme, kohlenhydratreiche Mahlzeitenzucker schnell ab, während fettreiche Mahlzeiten (Pizza, Burger) die Kohlenhydrataufnahme verzögern. Manche Menschen nutzen dafür unterschiedliche ICR-Werte – das nennt man \"Mahlzeitenfaktor\".
ISF – Der Insulinsensitivitätsfaktor
ISF bedeutet Insulin-Sensitivitäts-Faktor – oder auch Korrekturfaktor. Dieser Wert gibt an, wie stark eine Einheit Insulin deinen Blutzucker senkt.
Ein ISF von 50 bedeutet zum Beispiel, dass eine Einheit Insulin deinen Blutzucker um etwa 50 mg/dL senkt. Liegt dein Blutzucker bei 200 und dein Zielwert bei 100, dann brauchst du eine Korrektur von 2 Einheiten.
Der ISF ist ebenfalls individuell. Er wird oft basierend auf deinen Blutzuckerprotokollen und Tageszeiten angepasst.
Wie bestimmst du deinen ISF? Eine bewährte Methode ist die \"1500-Regel\" (fürmg/dL) bzw. \"1800-Regel\" (fürmmol/L). Diese Faustformel gibt dir einen Ausgangspunkt: Teile 1500 durch deinen täglichen Gesamtinsulinbedarf. Das Ergebnis ist dein ungefährer ISF.
Wie beim ICR gilt auch hier: Der ISF variiert über den Tag. Morgens, wenn der Körper noch „schläft\", ist die Insulinempfindlichkeit oft niedriger (du brauchst mehr Insulin für die gleiche Korrektur). Abends, besonders nach Sport, kann der ISF höher sein.
Sport und Bewegung sind übrigens große Faktoren. Nach dem Sport bin ich manchmal doppelt so empfindlich auf Insulin – mein ISF von 50 wird dann effektiv zu 100. Das erfordert Erfahrung und Fingerspitzengefühl.
Die Bolus-Formel
Jetzt kommt der spannende Teil – wie du beides zusammen nutzt. Die Grundformel für einen Bolus lautet:
Bolus = (Kohlenhydrate ÷ ICR) + ((Aktueller BZ - Ziel-BZ) ÷ ISF)
Ein Beispiel: Du hast 60g Kohlenhydrate gegessen, dein ICR ist 10, dein ISF ist 50, dein aktueller Blutzucker ist 180 und dein Zielwert ist 100.
- Essensbolus: 60 ÷ 10 = 6 IE
- Korrekturbolus: (180 - 100) ÷ 50 = 1,6 IE
- Gesamtbolus: 6 + 1,6 = 7,6 IE
Das klingt kompliziert? Keine Sorge – der Insulin Rechner macht das automatisch für dich. Du musst nur deine Werte eingeben.
Die Bedeutung von ICR und ISF
Ohne diese Werte irrst du blind durch die Insulin-Dschungel. Zu viel Insulin führt zu Unterzuckerung, zu wenig zu hohen Blutzuckerwerten. Mit den richtigen Werten kannst du deinen Blutzucker viel besser im Zielbereich halten.
Studien zeigen, dass Menschen mit Diabetes, die ihre ICR und ISF kennen und nutzen, eine bessere Zeit im Zielbereich (Time in Range) haben. Das reduziert langfristig das Risiko für Folgeerkrankungen.
So findest du deine ICR und ISF
Deine ICR und ISF werden normalerweise von deinem Diabetologen oder Diabetesberater festgelegt. Es gibt verschiedene Methoden:
- Basierend auf Erfahrungswerten: Der Arzt schätzt anhand deines Gewichts und deines täglichen Insulinbedarfs.
- Basierend auf Protokollen: Du führst mehrere Tage Buch und analysierst, wie dein BZ auf bestimmte Mengen reagiert hat.
- Mit CGM: Ein kontinuierliches Glukosemesssystem zeigt dir noch genauere Muster. Mehr dazu in meinem Artikel über Blutzucker messen ohne Stechen.
Der Shadowing-Test
Eine Methode, die ich selbst angewendet habe: der Shadowing-Test. Dabei isst du eine bekannte Menge Kohlenhydrate (z.B. ein Brot mit 30g KH), spritzt eine geschätzte Bolusmenge, und misst dann alle 30 Minuten über 3 Stunden deinen Blutzucker. Idealerweise solltest du nach 2-3 Stunden wieder auf deinem Ausgangswert sein.
Wenn der Wert zu hoch bleibt, war die Bolus zu gering. Wenn er zu tief fällt, war sie zu hoch. So kannst du deinen ICR nach und nach anpassen.
Die 500er-Regel für ICR
Eine einfache Faustformel: Teile 500 durch deinen täglichen Gesamtinsulinbedarf (Basal + Bolus). Das Ergebnis ist ein geschätzter ICR-Wert. Beispiel: Du brauchst täglich 50 IE Overall. Dann wäre dein ICR etwa 10 (500 ÷ 50 = 10).
Diese Regel gibt dir einen guten Startpunkt – aber wie bei allen Faustformeln gilt: Deine tatsächlichen Werte können abweichen und müssen oft über Wochen oder Monate feinjustiert werden.
Fazit
ICR und ISF sind keine Hexerei. Sie sind einfach zwei Zahlen, die dir helfen, deinen Insulinbedarf besser einzuschätzen. Mit der Zeit bekommst du ein Gefühl dafür – und der kostenlose Insulin Rechner unterstützt dich dabei.
Wichtig: Verändere deine Werte nicht ohne Absprache mit deinem Arzt. Was für mich funktioniert, muss nicht für dich passen. Jeder Körper ist anders.
Praktische Tipps für den Alltag
Hier sind einige Tipps, die mir geholfen haben, meine ICR und ISF besser zu verstehen:
- Führe ein Tagebuch: Notiere nicht nur deine BZ-Werte, sondern auch was du gegessen hast, wie viel Insulin gespritzt hast und wie aktiv du du warst. Nach ein paar Wochen siehst du Muster.
- Sei geduldig: Es dauert oft 2-4 Wochen, bis du wirklich weißt, ob deine Einstellungen passen. Ändere nicht jede Woche alles.
- Teste unter gleichen Bedingungen: Um deinen ICR zu verstehen, iss öfter die gleiche Mahlzeit und vergleiche die Ergebnisse.
- Achte auf Tageszeiten: Miss vor allem nach, wann deine Werte am meisten schwanken – meistens morgens oder abends.
- Nutze Tools: Der Insulin Rechner hilft dir, die Berechnungen zu machen. So kannst du dich auf das Führen protokollieren konzentrieren.
Hast du Fragen zu ICR oder ISF? Dann schreib mir eine Nachricht!
Häufig gestellte Fragen
Was ist ICR?
ICR (Insulin-Kohlenhydrat-Verhältnis) gibt an, wie viele Gramm Kohlenhydrate durch eine Einheit Insulin abgedeckt werden. Beispiel: ICR 10 bedeutet, dass 1 IE etwa 10g Kohlenhydrate abdeckt.
Was ist ISF?
ISF (Insulin-Sensitivitäts-Faktor) gibt an, wie stark eine Einheit Insulin den Blutzucker senkt. Beispiel: ISF 50 bedeutet, dass 1 IE den Blutzucker um etwa 50 mg/dL senkt.
Woher weiß ich meine ICR und ISF?
Dein ICR und ISF werden meist von deinem Diabetologen oder Diabetesberater festgelegt. Sie basieren auf deinen individuellen Blutzuckerwerten und Essgewohnheiten.
Wie berechne ich meinen Bolus?
Bolus = (Kohlenhydrate / ICR) + ((Aktueller BZ - Ziel-BZ) / ISF). Unser kostenloser Insulin Rechner macht das automatisch für dich.
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Hinweis: Dieser Artikel dient nur zur Information. Konsultiere immer deinen Arzt oder Diabetesberater für medizinische Entscheidungen.